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letzte Aktualisierung:
15. September 2007

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Irene Ewinkel
Die andere Perspektive: FrauenKunstGeschichte e.V.

Rückblick auf Ziele und Projekte des Vereins FrauenKunstGeschichte. Gehalten anlässlich des 10jährigen Gründungsjubiläums des Vereins am 15.11.2003

Als Gründungsmitglied ist mir die Aufgabe zugefallen, einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Vereins anlässlich des Jubiläums beizusteuern.
Zunächst möchte ich auf den Titel der Veranstaltung eingehen: In Anlehnung an den Ursprung des Vereins haben wir dem Jubiläum den Namen „Zur Korrektur des herrschenden Blicks“ gegeben - und dieser Titel gibt mir Gelegenheit, zu den Anfängen von „FrauenKunstGeschichte“ zurückzublicken.

- FrauenKunstGeschichte – Zur Genese des Namens -

Gehen wir gut 20 Jahre zurück: 1982 organisierten Studentinnen des Fachbereichs Kunstgeschichte hier in Marburg die erste deutsche Kunsthistorikerinnentagung.
Diese bot  – von vielen Studentinnen und Wissenschaftlerinnen des Fachs dringend erwartet – zum ersten Mal ein Forum für die Forschungsansätze einer feministischen Kunstgeschichte, die bereits disparat von vielen Wissenschaftlerinnen betrieben wurde.
Dabei ging es um ein neues Betrachten der klassischen Objekte der Kunstgeschichte: Bildinterpretationen wurden unter neuem Vorzeichen durchgeführt und es wurde nach der Geschichte der Künstlerinnen gesucht und geforscht. Kurz gesagt, generell wurden die etablierten theoretischen Ansätze  des Fachs kritisch hinterfragt.
Dieser feministische Ansatz, der einige Jahre später zu den Gender Studies - oder auch Geschlechterstudien - erweitert  wurde, um deutlich zu machen, dass es nicht nur galt Konzeptionen von Weiblichkeit, sondern auch von Männlichkeit  zu analysieren, ist seitdem durch zahlreiche weitere Tagungen und letztlich u. a. durch die Einrichtung von verschiedenen transdisziplinären Studiengängen wie beispielsweise dem Oldenburger „Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien“ weiter ausgebaut und vorangetrieben worden.

Der Tagungsband, der 2 Jahre später erschien, trug den Titel „FrauenKunstGeschichte“ und den Untertitel „Zur Korrektur des herrschenden Blicks“.
Mit diesem Untertitel sollte zunächst auf der einen Seite deutlich gemacht werden, dass die Kunstgeschichtsschreibung, die ihre Aufgabe im Erhalt und in der Stabilisierung des Mythos vom genialischen Meister sah, große Bereiche - wie z.B. die Werke von Künstlerinnen - einfach ausblendete. - Was auch nicht verwunderlich war, konnten diese doch dem Mythos nicht eingereiht werden. - Es galt also die Konstruiertheit von Künstlermythen aufzudecken.
 
Auf der anderen Seite galt es, darauf aufmerksam zu machen, dass in den Augen vieler Wissenschaftlerinnen Bildentwürfe nicht angemessen analysiert wurden.
Auch sollte nicht länger kaschiert werden, dass das Erkenntnisinteresse, von dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geleitet wurden, selbstverständlich auch von subjektiven Faktoren beeinflusst wird und somit Forschungsansätze nicht über den Dingen stehen, sondern auch immer zeitgebunden sind.

Die Bezeichnung „FrauenKunstGeschichte“ wird seitdem manchmal synonym mit dem Begriff „Frauenforschung“ für den frühen Ansatz in der feministischen Forschung in der Kunstgeschichte verwendet!  Allerdings ist die FrauenKunstGeschichte - wenngleich ihr Name in heutigen Zeiten etwas altmodisch anmuten mag - nicht in den frühen 80er Jahren stehen geblieben, sondern hat sich weiterentwickelt und neuen Projekten gewidmet.

Zunächst bildete sich nach dieser Tagung hier in Marburg die „Forschungsgruppe Frauenkunstgeschichte“, in der – mit unterschiedlicher Intensität - Studentinnen des Fachs – mit der Unterstützung der damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Institut  - Renate Berger -  über mehrere Jahre die „Feministische Bibliografie zur Frauenforschung in der Kunstgeschichte“ erstellten und schließlich publizierten.

Damit diese Arbeit umgesetzt werden konnte, erhielt die Gruppe einen klitzekleinen Raum unter dem Dach im kunsthistorischen Institut.

Der Verein: Die Verortung in der Region, die Arbeit für die Region

Das nächste Projekt, das folgte, stellte die Region, in der die FrauenKunstGeschichte nun einmal beheimatet war, in den Vordergrund:
Unter dem Titel „Inseln im Strom – Frauenkulturarbeit diesseits der Metropolen“ wurde eine Tagung vorbereitet und schließlich durchgeführt, die die Vielfalt der kulturellen Aktivitäten von Frauen in der Region Mittelhessen sichtbar machen sollte.

Um wenigstens in bescheidenem Maße die zu leistende Arbeit zu finanzieren, wurde in diesem Zusammenhang aus der Forschungsgruppe FrauenKunstGeschichte der gleichnamige Verein.
In der Folge musste der Verein FrauenKunstGeschichte den Raum im kunsthistorischen Institut räumen. Das Argument war, dass ein Verein nicht in Unigebäuden beheimatet sein könnte.
Unserer Arbeit schadete der „Ortswechsel“ nicht: Anliegen des Vereins ist es immer, mit den Inhalten einer feministischen Kunstgeschichte eine breite Öffentlichkeit auch außerhalb der Universität zu erreichen und sie ihr nahe zu bringen.
Denn was nützen die intellektuellen Diskurse in der feministischen Kunstgeschichte, wenn sich außerhalb des wissenschaftlichen Rahmens niemand darum schert und Kunstkritik nach dem alten Muster wie jeher betrieben wird.

Von dem Gedanken der Region und dem Erreichen einer breiten Öffentlichkeit war beispielsweise die Tagung inspiriert: Mit den „Inseln im Strom“ waren die in unterschiedlichen Zusammenhängen agierenden Frauen in Mittelhessen gemeint, die aktiv oder als Vermittlerin im Kulturbereich tätig waren, bzw. ihn förderten.
Es ging 1.) um eine Bestandsaufnahme: Wie sah es damit in einem eher ländlich strukturierten Gebiet aus?
Mit 2.) dem Ziel, Vernetzungen zu betreiben und darüber auch Synergieeffekte zu nutzen.

Da es jedoch einer kontinuierlichen Arbeit und einer festen Anlaufstelle bedarf, um Vernetzungen voranzutreiben und deren positive Effekte wirksam werden zu lassen, ruhen die Aktivitäten diese Kreises zur Zeit. Jedoch kann das darin enthaltene Potential schnell jederzeit wieder belebt und genutzt werden.

Dank der Unterstützung der Frauenbeauftragten der Stadt Marburg war auch das Raumproblem nach einiger Zeit wieder gelöst: Ein Zuschuss von der Stadt ermöglichte es uns, einen kleinen Raum als Büro anzumieten und die kleineren Projektkosten zu bestreiten. Damit hatten wir wieder einen Ort, von dem aus wir unsere Aktivitäten koordinieren konnten und der es uns später auch weiterhin ermöglichte, befristete Stellen für einzelne Projekte einzurichten.

Doch zurück zu dem Ansatz und den Arbeitsfeldern von FrauenKunstGeschichte.
Um sich diesen ein wenig zu nähern, möchte ich mich an Teilen entlang hangeln, die dieses zusammengesetzte Kunstwort enthält:

z.B. Frauengeschichte
Wir blickten und blicken bei unserer Forschung mit einer andere Perspektive auf die Geschichte von Frauen in der Kunst bzw. im Kulturbereich und der Kulturarbeit und vermitteln somit Dinge und Zusammenhänge, die unser Publikum so in der gängigen traditionellen Kunstvermittlung nicht erfährt.
Hier wäre beispielsweise die Ausstellung „Überleben ist nicht genug – Frauen im kulturellen Wiederaufbau“ zu nennen. 50 Jahre nach Gründung des Bundeslandes „Hessen“ haben wir den Blick auf Frauen gerichtet, die in den 40er und frühen 50er Jahren in den unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen Aufbauarbeit geleistet haben. Wir dokumentierten ihre Arbeit und machten deutlich, an welchen Stellen Frauen in kulturellen Institutionen damals arbeiteten. 

Zu nennen ist hier auch das im Rahmen der Agenda 21 initiierte Projekt: „Frauen sehen ihre Stadt“, das Frauen in Marburg ein Forum bot, ihren Blick auf die Vor- und Nachteile dieser Stadt als Lebensraum in Form von Fotos und Kommentaren zu formulieren.

z.B. Frauen als Objekte der Kunst(-geschichte)
Aber selbstverständlich gehört zu den Forschungsfeldern von FrauenKunstGeschichte nicht nur die Wiederentdeckung und Beachtung der Aktivitäten von Frauen im Kulturbereich, sondern auch die Beschäftigung mit Frauen als Objekten der Kunst, im Sinne einer Re-Interpretation der klassischen Forschungsgegenstände des Faches. Dieser zunächst auf die Interpretation von Frauenbildern eingegrenzte Blick hat sich inzwischen erweitert und als gutes Arbeitsinstrumentarium bewährt, die Konstruiertheit auch anderer Bildthemen aufzudecken.

So organisierten wir viele Jahre  – z.T. in Zusammenarbeit mit der vhs Marburg - thematisch ausgerichtete Kurse, in denen wir zusammen mit den Teilnehmerinnen ausgewählte Bilder genau betrachteten und auf deren Aussage hin analysierten. In diesen Bildergesprächen stand das genaue Sehen und das Benennen des Gesehenen im Vordergrund: Die Teilnehmerinnen sollten „den eigenen Augen trauen“.
Mit diesem genauen Benennen der Eindrücke, ergänzt durch Fakten zu Entstehungsgeschichte und -umfeld der Bilder ,  näherten wir uns in diesen Kursen der in den Bildern enthaltenen Subsprache an, die Teil aller Bilder ist - und deren Analyse letztendlich auch erst die Bilddeutung spannend macht. 

z.B. Frauenkunst - d.h. Kunst von Künstlerinnen
Zahlreiche Aktivitäten des Vereins richteten sich auch auf die Förderung und Unterstützung von Künstlerinnen.
Hier stand selbstverständlich wiederum die Region zunächst im Vordergrund:
Mit der Imaginären Galerie - einem Katalog-Projekt - erkundeten wir das Potential in der Region Mittelhessen und waren beeindruckt, welche Vielfalt es hier zu entdecken gab.
Wir stießen auf reges Interesse von Seiten der Künstlerinnen, von denen viele zu einer Kooperation bereit waren.
Bedauerlich war es schließlich, dass wir nur eine sehr begrenzte Anzahl von Künstlerinnen in dem Katalog vorstellen konnten - was - verständlicherweise - auch Enttäuschung und Missmut bei Jenen auslöste, die - aus vielerlei Gründen – nicht aufgenommen werden konnten.
Das dieses Medium recht erfolgreich für eine Selbstdarstellung der darin enthaltenen Künstlerinnen war, machte der schnelle Ausverkauf dieses Katalogs deutlich.

Ziel des Projektes war es auch, punktuelle Kooperationen unter den Frauen im Kulturbetrieb zu fördern und weiter zu stärken. Und dies ist auch gelungen:
Zum einen haben sich Künstlerinnen aus dem Katalog punktuell zu Ausstellungsgemeinschaften zusammengeschlossen, zum anderen hat FrauenKunstGeschichte mit einem weiteren Projekt dafür gesorgt, dass die Künstlerinnen nicht nur auf dem Papier ihre Arbeiten zeigen konnten:

Dabei stand zunächst die Suche nach einem geeigneten Ausstellungsort im Vordergrund: Mit Schloss Hallenburg in Schlitz hatten wir bald ein äußerst geeignetes Objekt entdeckt. Und mit der Bewilligung einer ABM konnte auch die personelle Grundlage geschaffen werden, um ein solches Projekt überhaupt organisatorisch durchzuführen, denn rein ehrenamtlich ist das nicht zu schaffen. Dass auch der Bürgermeister von Schlitz bereit war, das Schloss zur Verfügung zu stellen, war neben der Unterstützung von zahlreichen Menschen, Verbänden und Institutionen, einer der glücklichen Umstände, die dazu führten, dass die Ausstellung realisiert werden konnte.
20 Künstlerinnen aus der Region wurden eingeladen, dieses seit den 50er Jahren leerstehende - zuletzt als Schule genutzte Bauwerk - mit ihrer Kunst neu zu interpretieren und zu bespielen.
Zum Teil taten sie sich zu Paaren zusammen, so das ihre Kunst nicht nur mit dem Raum, sondern auch mit den Werken der Raum-Partnerin in einen Dialog treten konnte.
Das Ergebnis war sehr beeindruckend – und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass es uns in nächster Zeit gelingen wird, wieder einen so spannenden Ausstellungsort zu finden, der eine so gute Plattform für ein Künstlerinnenprojekt liefert.

Perspektiven
Zum Abschluss möchte ich noch einige Worte zu den Perspektiven sagen.
Die Erarbeitung und Aufbereitung von selbst gewählten Themen und die Umsetzung in eigenen Projekten wird immer schwieriger. Ist es doch kaum noch möglich, solide Projekte zu konzipieren, da schlichtweg die Arbeit nicht mehr bezahlbar ist. Selbst wenn die Projekte grundsätzlich sehr sparsam konzipiert und somit nur für genügsame Arbeitnehmerinnen geeignet waren.

Schon in den „besseren“ Zeiten konnten wir es immer nur als „Glücksfälle“ bezeichnen, wenn denn das fragile Zusammenspiel von Entwicklung einer Idee, geeigneter, ABM-berechtigter Arbeitnehmerin, Umsetzung zu einem Projekt und - last but not least - die Bewilligung ausreichender Zuschüsse erfolgte.
Für jedes durchgeführte größere Projekt stehen 1-2, die aus einem oder auch mehreren der oben genannten Gründe nach viel Vorarbeit denn doch nicht realisiert werden konnten.

Inzwischen ist nun das nützliche - und auch für die kulturpolitische Bildung einer Gesellschaft durchaus produktiv einsetzbare - Mittel der ABM faktisch abgeschafft worden. Das heißt, es kann nur noch ehrenamtliches, neben der täglichen Erwerbsarbeit erbrachtes Engagement einfließen. Das bedeutet, dass im Vordergrund nur die möglichst effektive Nutzung von Synergieeffekten stehen kann, indem vermehrt auf andere Ressourcen zurückgegriffen werden muss.

FrauenKunstGeschichte wird in Zukunft die Kooperation mit anderen Projekten in Deutschland, die einen ähnlichen Ansatz vertreten, kontinuierlich ausbauen. Dabei sind beispielsweise die Frauenkulturfahrten zu nennen, die wir seit zwei Jahren anbieten, und die wir weiterhin mit neuen Zielen und neuen Partnerinnen vor Ort anbieten möchten.
Außerdem werden wir die Forschungsergebnisse der Genderforschung aus dem universitären Bereich intensiver nutzen, indem wir vermehrt entsprechende Referentinnen hier nach Marburg einladen werden.
Und so sind wir zu unserem 10jährigen Jubiläum ganz optimistisch, dass FrauenKunstGeschichte - wenn auch in anderer Form - auch weiterhin die kulturelle Szene in Marburg um den feministischen Blick erweitern wird.  

 

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